Die Geschichte der Frauenheilkunde...
Die Frauenheilkunde war ursprünglich ein Teilgebiet der Chirurgie. Aus der Zunahme des Wissens ergab sich der Zwang zur Spezialisierung.
Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der österreichisch-ungarische Gynäkologe Ignaz Semmelweiß (1818-1865) die Ursache und Ansteckungsweise des Kindbettfiebers entdeckt und die Desinfektion als Vorbeugungsmaßnahme empfohlen. Die seit gut 100 Jahren mögliche Kaiserschnittentbindung, die Entwicklung von Antibiotika, eine systematische Schwangerenvorsorge mit Ultraschalluntersuchungen und elektronische Überwachungsmöglichkeiten während der Geburt vermochten sowohl die mütterliche als auch die kindliche Sterblichkeit drastisch zu senken. Starben 1933 noch 500 von 100.000 Müttern, so liegt diese Rate heute in Deutschland etwa bei 6 von 100.000 Müttern. Die kindliche Sterblichkeit sank von 1955 bis heute von 4% um den Faktor 8 auf 0,5%.
Auch die Frauenheilkunde nahm eine stürmische Entwicklung: Ephraim McDowell in Virginia markierte mit der ersten Eierstockzystenoperation 1809 den Beginn der operativen Gynäkologie. Erst 1878 erfolgte die erste Gebärmutterentfernung durch den deutschen Frauenarzt W. A. Freund. Die Wiener Gynäkologen Wertheim und Schauta entwickelten noch vor Ende des 19. Jahrhunderts die Standardoperation zur Behandlung des Gebärmutterhalskrebses. 1913 wurde als Behandlungsalternative die erste Bestrahlung in Frankfurt durchgeführt. Durch zahlreiche, technische Weiterentwicklungen hat die Strahlenbehandlung, heute computergesteuert, weitgehend ihre Schrecken verloren. 1925 wurde die Lupenbetrachtung des Muttermundes (Kolposkopie) durch Hinselmann entwickelt. 1943 wurde von Papanicolaou die zytologische Vorsorgeuntersuchung angegeben, die seit 1971 bei uns kassenpflichtige Leistung ist. Diese Möglichkeiten sind die Voraussetzung für die Früherkennung des Gebärmutterhalskrebses, so dass durch organerhaltende Operationen bei Vor- und Frühstadien insbesondere jungen Frauen die Möglichkeit der Fortpflanzung erhalten bleiben kann.
Auch bei der Erkennung und Behandlung des Brustkrebses zeigen sich ähnliche Entwicklungen: Mit der Röntgenuntersuchung der Brust (Mammographie) ist eine Früherkennung möglich, so dass heute in zwei Drittel der Fälle eine brusterhaltende Behandlung durchgeführt werden kann. Durch eine noch breitere Teilnahme an Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen könnte sicherlich noch mehr Frauen die Brustentfernung erspart und die Dauerheilungsaussichten entscheidend verbessert werden.
Die Entdeckung der Hormone und deren Wirkungsweise haben die Frauenheilkunde maßgeblich beeinflusst: 1913 wurden die Zusammenhänge zwischen Eierstock und Gebärmutter erkannt. Dem Nobelpreisträger (1939) und Wahl-Münchner Butenandt war 1930 die chemische Analyse von Östrogenen und 1934 die Herstellung von Progesteron (Gelbkörperhormon) gelungen. 1961 wurde die erste „Antibabypille“ nicht ohne große Vorbehalte auf den deutschen Markt gebracht. Die breite Verfügbarkeit von Östrogenen (und Gestagenen) ermöglicht die Behandlung klimakterischer Beschwerden und die Verhinderung der Langzeitfolgen des Hormonmangels (Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alzheimer´sche Krankheit).
Mit der gestiegenen Lebenserwartung gewinnen diese Möglichkeiten zunehmende Bedeutung. Eine gezielte Hormonbehandlung vermag darüber hinaus in vielen Fällen früher bei Blutungsstörungen oft nicht zu umgehende Operationen zu vermeiden.
Auch die operativen Techniken anderer Fachgebiete wurden von der Gynäkologie außerordentlich beeinflusst: So hat die sogenannte minimalinvasive Chirurgie („Schlüssellochchirurgie“) von der gynäkologischen Laparoskopie/Pelviskopie, die von den deutschen Gynäkologen Semm und Frangenheim entwickelt wurde, ihren Anstoß erhalten.
Organerhaltung statt -entfernung bestimmt heute bei vielen gynäkologischen Erkrankungen das operative Vorgehen: bei Eileiterschwangerschaften kann der Eileiter, bei gutartigen Eierstockgeschwülsten der Eierstock und bei Myomen die Gebärmutter häufig erhalten bleiben, weil durch Ultraschalluntersuchungen – auch eine Entwicklung unseres Fachgebietes – eine frühere Krankheitserkennung möglich ist. Andere medizinische Fachrichtungen profitieren in ähnlicher Weise: Moderne bildgebende Untersuchungen sind ohne die strahlungsfreie Ultraschalltechnik nicht mehr denkbar.
Alle erwähnten technischen Entwicklungen und Errungenschaften können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Lebenserfahrung, Einfühlungsvermögen und die Achtung vor der Autonomie der Menschen auch in der modernen Medizin unverzichtbare Elemente der Patientenbetreuung darstellen.
